1/5/2026
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Hintere Aumatt: Ein Erfahrungsschatz für lebendige Nachbarschaften
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Text & Interview Tom Ammann, generationentandem.ch  |  Fotos zVg

Ende März 2026 führte die Generalversammlung von Urbane Dörfer nach Hinterkappelen. Wie üblich gehörte auch diesmal eine Exkursion zu einem Wohnprojekt zum Programm. Die Genossenschafter:innen besuchten die Siedlung Hintere Aumatt; mit dabei auch Tom Ammann vom Verein UND Generationentandem.

Die Siedlung entstand zwischen 1981 und 1992 in mehreren Bauetappen. Heute leben hier rund 400 Menschen in über 200 Wohnungen. Obwohl die Wohnungen Stockwerkeigentum sind, organisieren die Bewohner:innen viele Bereiche ihres Zusammenlebens gemeinsam. Über mehr als 40 Jahre entwickelte sich so ein reicher Erfahrungsschatz für lebendige Nachbarschaften.

Die Führung durch die Siedlung übernahmen Remo Gautschi und Res Isler. Im anschliessenden Gespräch mit Remo Gautschi, der zu den «Urbewohnern» der Hinteren Aumatt gehört, ging Tom Ammann auf Schatzsuche und fand drei «Juwelen», die das Zusammenleben in der Siedlung bis heute prägen.

Blick über die Aare auf die Siedlung Hintere Aumatt. (Foto: Charles Benoit)

Juwel Nr. 1: Freiwilliges Engagement

Tom Ammann: Während Deiner Führung hast Du erzählt, dass es in der Siedlung Aumatt auch Jahrzehnte nach dem Bezug noch viele freiwillige Arbeitsgruppen gibt. Das ist alles andere als selbstverständlich. Andere Siedlungen kämpfen schon wenige Jahre nach ihrer Gründung mit schwindendem Engagement. Was ist Deiner Meinung nach das Erfolgsgeheimnis dieses langfristigen freiwilligen Engagements?

Remo Gautschi: Ich denke, dass zunächst einmal die Zusammensetzung der ersten Bewohnerschaft ausschlaggebend war. Wir «Urbewohner» waren gut ausgebildete Leute mit guten Jobs und machten uns damals sogar Sorgen über die eher geringe soziale Durchmischung. Wir wollten bewusst ein gemeinschaftliches Zusammenleben etablieren. Wir waren eine aktive, zielstrebige Gruppe, die auf Partizipation setzte. Die wenigen, die diese Ambitionen nicht teilten, zogen bald weiter. Damals entstand der heute noch spürbare «Siedlungsgeist», unsere Siedlungskultur.

«Die erste Bewohnerschaft wollte bewusst ein gemeinschaftliches Zusammenleben etablieren. Wir waren eine aktive, zielstrebige Gruppe, die auf Partizipation setzte. Das prägt bis heute die Kultur unserer Siedlung.»

Remo Gautschi
Urbewohner der Siedlung Hintere Aumatt

Remo: Eine wichtige Rolle spielte ausserdem die Regio-Genossenschaft, heute die Regio Wohnbau AG. Sie unterstützte die Idee der Selbstverwaltung. Die Bewohner:innen konnten die Verwaltung und die Organisation der Siedlung selbst in die Hand nehmen konnten. 

Ein zweiter wichtiger Grund war die Bauweise in Etappen. Die Siedlung entstand über elf Jahre hinweg. Vor jeder Bauetappe wartete man ab, ob genügend Käufer:innen vorhanden waren. So kam alle paar Jahre eine neue «Welle» von Menschen in die Siedlung. Sie wussten bereits, was sie erwartete, denn es hatte sich herumgesprochen, wie wir hier zusammenleben. Das führte zu einer Art Vorselektion. Die Menschen entschieden sich bewusst für diese Gemeinschaft.

Die Bauweise in Etappen begünstigte, dass sich die ursprüngliche Siedlungskultur zuerst einmal etablieren und festigen konnte – bis zur Ankunft der nächsten Welle von Neuzuzügern, die die bereits vorhandene Siedlungskultur durchaus bereitwillig annahmen, aber auch kritisch reflektierten und weiterentwickeln halfen.

Mit jeder Bauetappe kamen zudem etwas jüngere Familien dazu. Dadurch blieb die Altersdurchmischung über viele Jahre erhalten. Im Lauf der Jahrzehnte gab es jedoch auch Umschichtungen: Die Wohnungen wurden teurer und die Siedlung zog finanziell bessergestelltes «Publikum» an.

Eine Schautafel verschafft Besuchenden einen Überblick über Grösse und Organisation der Siedlung (Foto: Tom Ammann) 

Remo Gautschi: Ein weiterer Aspekt sind die vielfältigen räumlichen Möglichkeiten in der Hinteren Aumatt. Gemeinschaftsräume, Sportplatz, Sauna, Piazza, Schrebergarten, Kinderspielplätze, ein Stück Wald mit einem Hüttendorf für Jugendliche, Boule-Bahn, Tischtennis, Billard, Lebensmittelladen, Wein- und Gemüsekeller laden geradezu dazu ein, gemeinsam etwas zu organisieren. Ich denke etwa an das Open-Air-Kino, das Boule-Turnier oder den Quartierznacht. Diese Nutzung muss aber organisiert und je nachdem auch finanziert werden, und zu diesem Zweck bilden sich dann aus den an einer Nutzung Interessierten die Arbeitsgruppen heraus. 

Hinzu kommen weitere Faktoren, die freiwilliges Engagement begünstigen: Die Arbeitsgruppen verfügen über eigene Budgets, die fester Bestandteil der Siedlungsrechnung sind. Sie arbeiten unabhängig voneinander und tauschen sich regelmässig aus. Zweimal pro Jahr berichten sie an der Eigentümerversammlung über ihre Arbeit und erhalten dort Wertschätzung.

Schliesslich gibt es auch finanzielle Anreize. Dank dem freiwilligen Engagement verfügt die Siedlung über Angebote, für die man anderswo deutlich mehr bezahlen würde. Ein Beispiel ist die Sauna, deren Benutzung nur fünf Franken kostet. Viele Arbeiten an der Infrastruktur und in den Aussenbereichen übernehmen die Bewohner:innen selbst. Das senkt die Nebenkosten substanziell. Auch gemeinsame Anschaffungen oder Dienstleistungen kosten weniger, wenn sie gemeinsam organisiert werden.

Einsatz der Anwohner:innen bei der halbjährlichen «Siedlungs-Putzete» (Quelle: www.aumatt.ch)

Juwel Nr. 2: Der Aumatt-Laden

Tom: Besonders spannend finde ich euren siedlungseigenen Lebensmittelladen, den Aumatt-Laden. Ich habe schon verschiedene Konzepte zur Lebensmittelversorgung in Wohnsiedlungen gesehen, aber noch nie einen so professionell wirkenden Laden. Während der Führung hast Du auch seine «integrative Wirkung» erwähnt. Wie entstand der Laden? Wie hält er sich finanziell über Wasser? Und woran zeigt sich seine integrative Wirkung?

Remo: Der Laden ist organisch gewachsen. Ganz am Anfang war das nur ein Tisch im «Hof 2» mit lokalen Bio-Produkten von mehreren fortschrittlichen Bauern und Betrieben aus der Umgebung. Irgendwann fanden wir, dass es einen richtigen Laden braucht.

Einige Anwohnerinnen gründeten daraufhin eine freiwillige Arbeitsgruppe und mieteten ein Atelier in der Siedlung, um dort einen Laden zu betreiben. Obwohl sie für einen bescheidenen Stundenlohn arbeiteten und die Produkte schon damals teurer waren als bei Migros oder Coop, schrieb der Laden in den ersten Jahren keine schwarzen Zahlen. Er überlebte vor allem dank dem beherzten Engagement der Gründerinnen.

Der Laden entwickelte sich zu einer Art Dorfkern und Treffpunkt. Hier tauschte man die neusten Neuigkeiten aus der Siedlung aus. Nachdem vor dem Laden zwei kleine Tische mit Stühlen aufgestellt worden waren, traf man sich auch einfach auf einen Kaffee oder ein Feierabendbier.

«Der Laden entwickelte sich zu einer Art Dorfkern und Treffpunkt.»

Remo Gautschi
Urbewohner der Siedlung Hintere Aumatt

Später gründeten die Beteiligten den Verein «Aumatt-Lade». Dank grosszügiger Sponsor:innen konnte der Verein das Ladenlokal von der Regio-Genossenschaft erwerben. Heute vermietet er es zum Selbstkostenpreis an eine Betreiberin. Dank der günstigen Miete, den Einnahmen aus dem Lebensmittelverkauf und der Unterstützung des Vereins – etwa bei den Kosten für die Kühlanlagen – kann sie vom Laden leben. Gelegentlich arbeiten sogarSchülerinnen und Schüler aus der Siedlung im Laden mit und bessern so ihr Taschengeld auf.

Heute gehört der Aumatt-Laden fest zur Siedlung. Er bietet ein breites Sortiment an möglichst saisonalen, regionalen und biologischen Produkten und zieht inzwischen auch Kundschaft aus den Nachbarsiedlungen an.

Blick auf das breite Sortiment des Aumatt-Ladens (www.aumatt-lade.ch) (Foto: Tom Ammann) 

Juwel Nr. 3: Die Ressourcenteilung

Tom: Stichwort «Ressourcenteilung»: Welche Ressourcen werden in der Siedlung Aumatt geteilt, und wie ist das organisiert?

Remo: Ein gutes Beispiel ist das Carsharing. Dafür wurden gleich zwei Genossenschaften gegründet – je eine für die beiden Einstellhallen –, die rund 10 gemeinschaftlich genutzte Autos zur Verfügung stellen.

Daneben gibt es einen WhatsApp-Siedlungschat «Zu verschenken», über den auch Haushaltgeräte oder andere Gegenstände ausgeliehen werden. Gewisse Gegenstände wurden so über die Zeit schon mehrfach rezykliert. Oder man stellt die Sachen einfach an den Eingang mit der Beschriftung «gratis abzugeben» – auch das funktioniert erstaunlich gut.

Auch die Geräte der Miteigentümergemeinschaft, die zweimal pro Jahr bei der «Siedlungs-Putzete» für die Reinigung und Pflege der Grün- und Allgemeinflächen zum Einsatz kommen, dürfen die Eigentümer:innen privat nutzen.

Dank all diesen Angeboten lassen sich sowohl ökonomisch als auch ökologisch beachtliche Einsparungen erzielen.

Tom: Hattet ihr bei der Gründung der Siedlung all diese gemeinschaftlichen Angebote bereits geplant?

Remo: Nein. Das war nicht alles von Anfang an konzipiert. Vieles entwickelte sich aus dem Wunsch, etwas Gemeinschaftliches aufzubauen – und aus der Bereitschaft, Bestehendes weiterzudenken und immer wieder hinzuzulernen.

«Unsere Siedlungskultur hat sich aus dem Wunsch entwickelt, etwas Gemeinschaftliches aufzubauen – und aus der Bereitschaft, Bestehendes weiterzudenken und immer wieder hinzuzulernen.»

Remo Gautschi
Urbewohner der Siedlung Hintere Aumatt


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