
Mitten im Leben alt werden...
Möchte ich auch. Dagegen gibt es nichts einzuwenden. Oder?
Mitten im Leben alt werden. Wie schön wäre es, auch im hohen Alter noch dazu zu gehören, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Mitten im Leben. Eben. Und alt werden? Ist unabdingbar, geschieht unaufhörlich. Und ich denke: So ist es nun also, alt zu werden. Es passiert. Nur: Mir fällt es jetzt mehr auf. Das Altern. Im Alter. Denn älter werden ja auch Jüngere. Eigentlich. Nur eben anders. Irgendwie.
Ich bin mir bewusst: Zeitlich gesehen habe ich die Mitte des Lebens verlassen. Ich stehe in der Gruppe schon etwas näher des Ausgangs. Exit ist also näher als Eingang. Kein Zweifel. Was darf ich also noch erwarten, vom Leben, wenn ich mitten im gelebten Leben alt werden möchte? Und was meint «alt werden» eigentlich genau? Wie sehen das andere, auch etwas bejahrtere Menschen? Müsste ich mir über die Gestaltung des noch zu gestaltenden Lebens intensiver Gedanken machen? Eine Brücke bauen ins hohe Alter? Gäbe es gar Wohn- und Lebensformen, die auch ältere Menschen als aktive Mitglieder der Gemeinschaft willkommen heissen und einbetten? Bis zum Ausgang?
Diese Gedanken gehen mir duch den Kopf. Matthias Tobler hat mir vom Workshop erzählt, der zu diesem Thema nächstens im Webergut sattfinden soll. Ich melde mich an. Ich bin gespannt.
In der Ausschreibung lese ich, dass für eine Begleitgruppe lebenserfahrene Menschen gesucht werden, die das Webergut mit ihren Ideen, Wünschen und Träumen mitgestalten wollen. Und es soll darum gehen, sich Gedanken zu einem Lebenssetting zu machen, in dem der Alterungsprozess aktiv gestaltet werden kann, statt ihn nur passiv hinnehmen zu müssen. Die Forschung zeige, dass wir unser Altern zu einem grossen Teil selbst beeinflussen können. Klingt gut. Macht Mut.
Ich mache mich also an diesem Dienstag auf nach Zollikofen und sitze nun an einem Tisch im Webergut. Der Workshop hat soeben begonnen.
Eine langwierige Vorstellungsrunde bleibt mir zum Glück erspart. Passt. Wir sind versehen mit einem Vornamenkleber. Die Kontaktnahme erfolgt im Tun.
Unterstützt von der Age-Stiftung und begleitet von der Berner Fachhochschule, will eine Projektgruppe Grundlagen für ein Wohnen im Alter entwickeln. Und will Antworten finden auf den Wunsch vieler Menschen, auch im Alter möglichst selbstbestimmt in einer lebendigen Umgebung bleiben zu können, anstatt in isolierte Seniorenheime zu ziehen.
Die Organisationsgruppe stellt sich vor. Auch die Allerjüngsten sind vertreten, wenn auch noch eher in getragener Funktion. Die wirklich wirklich Lebenserfahrenen fehlen. Aber nur bei den Organisierenden. Sie finden sich, wie gewünscht, in der anwesenden Begleitgruppe. Eine stattliche Anzahl von Interessierten ist gekommen.
Ein Booklet mit Fragen zu den drei Teilbereichen «Erfahrungen», «Zukunftsbild» und «Hochaltrigkeit & Kommunikation» führt durch den Nachmittag. Das bestehende Projekt zum Urbanen Dorf Webergut wird zu Beginn vorgestellt. Die Teilnehmenden erhalten einen ersten Einblick in das, was in den nächsten zwei Jahren gleich nebenan entstehen soll. Der Workshop findet statt in einem grossen Coworkingraum in einem ehemaligen Postgebäude, der von Urbane Dörfer in einer Zwischennutzung genutzt werden kann.
Dann tauchen wir ein in die Thematik und widmen uns in Gruppen den Fragen des ersten Teilbereichs. «Was gefällt dir an deiner aktuellen Wohnsituation? Was nicht? Und was macht es aus?» Eigentlich genug Stoff für einen 30-minütigen Austausch. Wenn da nicht noch vier weitere Fragen zum Thema wären. Es wird diskutiert, erzählt, ergänzt und geschrieben. Die letzte Frage ist: «Wann wirkst du gerne mit? Wie? Und warum?» Ich denke mir: Wenn es genauso läuft, wie jetzt! Wenn ich handelnd in den Austausch komme, wenn ich gefragt bin und mich wirklich einbringen kann. Der Austausch im Plenum zeigt eine Fülle an Ideen und Erfahrungen. Die Charts sind Spuren der Diskussion und halten fest, was im Wesentlichen zusammengekommen ist. Aktuelle Wohnerfahrungen, positiv und eher negativ. Wichtig erscheint den einen Stadt-, Laden-, ÖV-, Spital- oder Waldnähe, anderen Weitblick, Multikulturalität, gute Kontakte zur Nachbarschaft, eine gestaltete Umgebung und Vernetzung ins Quartier. Es geht ums Teilen, um Teilhabe in einem Haus der Generationen und Chancen, um gemeinsame Aktivitäten an einem Ort, der von allen mitgestaltet wird. Und das Zuhause soll auch ein Rückzugsort sein können. Unkompliziert und selbstbestimmt.
Wichtig erscheint den Anwesenden auch, dass ein solches Projekt des Zusammenlebens über klare Strukturen, Regeln, Verantwortlichkeiten und Orientierung gebende Rituale verfügt. Eine transparente, für alle verständliche Kommunikation spielt ebenfalls eine grosse Rolle.
Tja – und Mitwirkung funktioniert eben, wenn ich mich eingeladen fühle, ein Mittun Sinn macht, Mitwirkung sichtbar wird und ich Wertschätzung erfahre.
Nach einer kurzen Pause sitzen oder stehen wir dann zusammen in Zweier- oder Dreiergruppen. Es geht in einem Austausch um unser Zukunftsbild. «Was wünsche ich mir für mein Wohnen im (hohen) Alter?» «Wie sieht mein Tag aus?» «Wann fühle ich mich wirklich zuhause und welche Rolle spiele ich in dieser Wohn- und Lebensgemeinschaft?»
In der Zusammenfassung im Plenum wird deutlich, dass so etwas nur für alle befriedigend funktionieren kann, wenn Geben und Nehmen in einer Balance sind. Echte Beziehungen geben Halt, gestalten Nähe und ein wärmendes Ambiente. Ich werde wahrgenommen als Person, bin Teil vom Ganzen und erfahre oder biete Unterstützung. Jung und Alt verbinden sich, geben sich aber auch Raum für Ureigenes. Grenzen werden akzeptiert. Eine hohe Bereitschaft zur Toleranz prägt diese Gemeinschaft. Wir suchen die Durchlässigkeit ins Dorf.
Die Pausen bieten Gelegenheit, unter Teilnehmenden ins Gespräch zu kommen, die sich zum Beispiel um Kuchen und Kaffeemaschine versammelt haben. Da ich selbst schon länger bei Urbane Dörfer dabei bin, sind mir viele Gesichter bekannt. Interessierte erkundigen sich nach den Bauplänen, um etwas genauer sehen zu können, was denn da entstehen soll.
Zum Abschluss folgt dann noch eine Einzelarbeit. Passt gut. Ich finde, der Nachmittag hat einen guten Rhythmus und ist sehr abwechslungsreich gestaltet. «Was kann helfen, auch im hohen Alter Teil der Community bleiben zu können?" «Gäbe es unterstützende Angebote?» Und: «Was macht für dich klare und gute Kommunikation aus?» Diese und weitere Fragen leiten mich an, mir Gedanken zu machen und meine Erkenntnisse gleich auf Post-it’s festzuhalten. Es kommt noch einmal eine grosse Sammlung zusammen. Einen Überblick zu bekommen ist gar nicht so einfach.
Auf der Chart zu Kommunikation fällt mir auf, dass offene und ehrliche Kommunikation erwartet wird, dass diese auf unterschiedlichen Kanälen erfolgen soll. Informationen sollten klar, transparent und nachvollziehbar sein. Digitale Kommunikationsmittel sind nützlich, sollen jedoch den persönlichen Austausch, von Mensch zu Mensch, nicht verdrängen. Ansprechpersonen helfen, Fragen gezielt stellen zu können. Bezüglich Hochaltrigkeit werden unterschiedlichste Angebote und Dienstleistungen genannt, die von Nachbarn, Menschen aus der Lebensgemeinschaft oder durch Expert:innen erbracht werden können. Das geht von einfachen Besuchen bis zum Mahlzeitendienst, von Nachbarschaftshilfe bis zu Inhouse Spitex oder Palliativcare. Alles fusst auf verlässlichen nachbarschaftlichen Beziehungen und der Gewissheit, dass man auch im hohen Alter und unter erschwerten Bedingungen noch willkommen ist in dieser Gemeinschaft.
Ein intensiver Nachmittag klingt aus. Mit dem Dank an die Organisationsgruppe und die Workshopteilnehmenden machen wir Schluss für heute. Ein weiteres Treffen der Begleitgruppe soll bald stattfinden.
Und jetzt? Ich denke, vielen von uns älteren Menschen ist es wichtig, selbstbestimmt, eigenverantwortlich und doch gehalten und unterstützt alt werden zu können. Gerne in einer Wohn- und Lebensgemeinschaft, wie sie mit dem Webergut geplant ist. Natürlich wollen auch wir «Alten» unseren Teil zu einer funktionierenden Gemeinschaft beitragen. Aufdrängen will man sich jedoch nicht. Generationenübergreifende Beziehungen beleben gegenseitig. Und schön, wenn Mitgestalten und Rückzug in eine passende Balance finden.
Bei all den Überlegungen rund ums Altern mitten im Leben kam mir immer wieder der Gedanke: Und wie ist es wohl mit dem jung sein, mitten im Leben, in einer Community wie dieser? Ich bin mir sicher, die Dorfpioniere im Webergut werden sich auch dieser Frage noch intensiv widmen. Hoffentlich gemeinsam mit den Jugendlichen.
Über 30 Personen habe sich für die Begleitgruppe «Mitten im Leben alt werden» gemeldet. Mehr als 20 nahmen am ersten Workshop im Coworking Space Weberwerk teil.
Mit den gesammelten Erfahrungen, Gedanken und Zukunftsbildern hat das Projektteam weitergearbeitet und acht häufig genannte Bedürfnisse rund um Wohnen, Gemeinschaft, Unterstützung und Kommunikation identifiziert:
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Der nächste Workshop der Begleitgruppe «Mitten im Legen alt werden» findet am Dienstag-Nachmittag, 1. September 2026 im Coworking Space Weberwerk statt.